Ein Reisebericht aus Südwest-Irland (Teil 2)
Es ist wohl schon eine Weile hell und so richte ich mich auf, ziehe den Vorhang zurück um nach dem Wetter zu schauen. Wolken, was sonst. Aber da ist sie wieder, diese Stille. Nur der Wind ist zu hören, wie er vom Meer aus die Hügelflanken hinaufzieht, durch bräunlich grüne Gräser, gelb blühende Ginster und lila blühende Heidebüsche. Es ist Mitte September und das ist auch gut so. Dadurch sind nur noch wenige Reisende unterwegs, tagsüber herrschen 12-15 Grad, Windstille herrscht nur in Leelagen und Regenbekleidung ist ein Muss.
Aber erst mal ausgiebig und in Ruhe frühstücken, schließlich bin ich im Urlaub. Zeit ist etwas, was ich habe, nicht aktiv verplane. Nur eines sollte man immer im Kopf haben, wenn man sich am Meer aufhält: die Gezeiten. Aus Erfahrung kann ich sagen, daß es nicht entspannend ist, acht Stunden lang mit ansehen zu müssen, wie das Wasser immer höher steigt und die einem zu Verfügung stehende Fläche immer kleiner wird. Ganz zu schweigen von den großen Wellenbergen etwas weiter draußen, welche mit zunehmender Gewalt und Höhe die Küste ansteuern und einem jederzeit ein unfreiwilliges sowie sehr gefährliches Bad bescheren können.
In Irland werden jährlich circa 10 Menschen von so genannten freak waves erfasst, ins Meer gespült und ertrinken. Freak waves sind überdurchschnittliche hohe Wellen, die aus dem Nichts auftauchen und genauso geheimnisvoll wieder verschwinden. Und um an dieser Stelle einen Mythos aus der Welt zu schaffen: nicht die siebte Welle ist die höchste. Bob Moss, eine lebende Anglerlegende aus Dingle hat es in einem seiner Bücher sehr treffend auf den Punkt gebracht. Er sagte, ihm wurde als Kind beigebracht, auf die siebte Welle zu achten, aber nach Jahrzehnten der Brandungsangelei hat er begriffen, daß man sie alle beobachten muss.
Trotzdem sind das allesamt Fakten, die einen nicht davon abbringen sollten, an den schroffen Klippen und terrassenartig ins Wasser abtauchenden Spornen ein wenig zu bouldern oder zu angeln. Denn angeln im Meer ist jedem gewährt und ermöglicht bei ausreichender Fachkenntnis und jenem Quäntchen Glück eine wunderbare Mahlzeit. Irlands Küste bietet knapp zwei Dutzend Speisefische, wobei – je nach Küstenbeschaffenheit - Makrelen, Pollack, Conger, Wolfsbarsch, Rochen, Seezunge, Flunder und Meerforellen am häufigsten anzutreffen sind. Im Frühjahr gesellen sich noch Lachse dazu, allerdings muss man für Lachse und Meerforellen einen Angelschein erwerben.
Das Bouldern bietet alles, was das Herz begehrt an überwiegend rauem festem Gestein: Senkrechte Wände, geneigte Platten, Überhänge oder Risse in allen Schwierigkeitsgraden. Da es keine Boulderführer gibt, sollte man sich seines Einschätzungsvermögens sicher sein. Und wenn man damit nichts am Hut hat, dann geht man eben in die Hügel, ignoriert die kletterbaren Partien, genießt eine wunderschöne Landschaft, und lässt sich von ihrem durch ständig wechselnde Beleuchtungsverhältnisse verändernden Farbenmeer verzaubern. Es empfiehlt sich allerdings die Wanderungen mit Karte und Kompass oder gar GPS-Geräten anzutreten, da kleine Abstecher von den Hauptwanderwegen locken und sehr lohnend sind, sich der Rückweg aber selten automatisch aus dem Hinweg ableiten lässt. Festes Schuhwerk, Gamaschen, Wanderstöcke, Regenbekleidung und Verpflegung sind Pflicht. Tipps für schöne Wanderungen erhält man in jedem Hostel oder im Internet.
Das Wandern in der atlantischen Heide birgt allerdings auch so manche Tücken. Klüfte, erstaunlich tiefe wassergefüllte Gräben und wackelige Gesteinsbrocken sind oftmals durch die darüber wachsende Vegetation verdeckt und lösen durchaus den ein oder anderen ungewollten Sturz aus. Wer unbedingt durch die Neidermoore stapfen muss, sollte typische Pflanzenvergesellschaftungen und deren Bedeutung kennen, denn knie- oder hüfttief einzusinken ist nicht nur unangenehm, sondern das kleinere Übel, welches einem widerfahren kann. Das Betreten von Schwingrasen sollte sofort mit dem langsamen Rückzug beendet werden. Abgesehen von den unnötigen Schäden an sehr empfindlichen Ökosystemen setzt man sich und seine Begleiter einem unnötig hohen Risiko aus.
Dem stillen, gemütlichen Genießer rate ich, einen Ausflug an den Strand zu machen. Sowohl der Ring of Kerry als auch die Dingle & Beara Halbinsel bieten sehr schöne, lang gezogene, seicht in das Meer abfallende Sandstrände. Und das Beste noch zum Schluss: Sie sind überwiegend dem Westen zugewandt.










1 Kommentare zu "Wind, Wellen, Freiheit (2)"
Toller Bericht und interressante Informationen. Das macht Lust auf Meer (mehr) :-)
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